Rede von Dr. Egon Voss bei der Trauerfeier für Dr. Klaus Döge
am 4. November 2011 in Dresden
Wir nehmen Abschied von Klaus Döge, und so unabänderlich dieser Abschied ist, so schwer fällt er uns. Wir verlieren einen Wissenschaftler von großer Kompetenz und besonderer Eigenart, und wir verlieren einen Menschen, den alle, die ihn kannten, hoch geachtet, hoch geschätzt, wenn nicht geliebt haben. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Richard Wagner-Gesamtausgabe war er ein vorbildlicher Kollege, wie man ihn selten findet.
Klaus Döge kam im Jahre 1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Richard Wagner-Gesamtausgabe, auf Empfehlung des damaligen Cheflektors des Schott-Verlages, Lothar Friedrich, dem die Wagner-Gesamtausgabe darum zu großem Dank verpflichtet ist. Alles, was Lothar Friedrich damals über Klaus Döge sagte – und es war eine einzige Lobeshymne – hat sich als richtig erwiesen. Einen besseren hätte man kaum finden können.
Obwohl Klaus Döge damals bereits ein erfahrener Philologe war, war es dennoch überraschend, wie bald er sich in die neue Materie eingearbeitet hatte. Sein Fleiß – auch eine seiner bemerkenswerten Tugenden – hätte dazu aber nicht ausgereicht. Was ihn dazu befähigte, war einerseits seine Neugier, das prinzipielle Interesse an einer neuen Aufgabe, andererseits seine uneingeschränkte Begeisterung für die philologische Arbeit. Er war daher von Beginn an mit Enthusiasmus bei der Sache und das, obwohl seine erste Aufgabe höchst undankbar war: Sie bestand nämlich darin, eine von einem ausgeschiedenen Mitarbeiter begonnene Edition zuende zu führen. Aber so war er: er arbeitete nicht zum Ruhm der eigenen Person.
Klaus Döge hat fast 18 Jahre lang bei der Wagner-Gesamtausgabe gearbeitet, seit 2003 war er Leiter der Münchener Forschungsstelle. Er hat dieses Amt mit großer Umsicht ausgeübt und sehr viel Einfallsreichtum entwickelt, als das Projekt durch Geld- und Raumnot in schwierige Lagen geriet. Dabei ging ihm sein wunderbarer Humor nie verloren. Seine treffenden spitzen Bemerkungen und sein befreites, ansteckendes Lachen sind uns, den Kolleginnen und Kollegen, noch im Ohr, und sie werden es lange bleiben.
Klaus Döge war kein Wagnerianer. Er hatte zu Wagner ein eher distanziertes Verhältnis, aber wie dieses Verhältnis in Wahrheit genau aussah, weiß ich nicht. Eigenartigerweise haben wir darüber nie gesprochen. Jedenfalls aber hatte er keinerlei Berührungsängste, wie sie so manchen plagen, wenn es um Wagner geht. Klaus Döge hatte da keine Probleme, wohl weil er souverän genug war, auch für das offen zu sein, was ihm nicht unmittelbar am Herzen lag, was ihm vielleicht fremd war oder sogar antipathisch. Seine Unvoreingenommenheit, die ihm sichtlich viel bedeutete, war bewundernswert.
Im Zentrum seines Interesses stand immer die Musik Antonin Dvoraks. Es war das Feld, auf dem er sich am liebsten bewegte. Hier war er Spezialist, einer der wenigen im deutschsprachigen Raum, wenn nicht der einzige. Manche nannten ihn daher liebevoll “Herr Dvorak”. Dass die deutsche Musikwissenschaft diesen Komponisten inzwischen ernstnimmt, ist vor allem das Verdienst von Klaus Döge, der beharrlich gegen traditionelle Vorurteile angegangen ist und dabei auch viel Mut bewiesen hat. Aber er hat sich auch für Josef Suk oder Martinu engagiert und überhaupt viel zur Kenntnis über die Musik Tschechiens in Deutschland beigetragen. Durch seine rege Kontaktpflege mit Wissenschaftlern in Prag, aber auch in anderen Orten östlicher Länder – wie beispielsweise in Ljubljana –, hat er sich nicht nur um Wissenstransfer zwischen den Ländern verdient gemacht, sondern auch ganz generell um Austausch, Kooperation und Verständigung.
Seine besondere Liebe zu Dvorak hat ihn weder blind noch engstirnig werden lassen. Im Gegenteil: Die Spannweite dessen, was ihn interessierte, war groß. Er ließ sich von alpenländischer Volksmusik mit Zither und Hackbrett ebenso faszinieren wie von der Musik Arnold Schönbergs. Er hat über Beethoven ebenso geschrieben wie über Neue Musik. Folglich war auch Wagner nicht ausgeschlossen. Klaus Döge hat eine Reihe sehr bemerkenswerter Studien über Wagner vorgelegt, unscheinbar im Umfang, aber gewichtig im Inhalt. Sein besonderes Augenmerk galt der Skizzenforschung, einem Zweig der Musikwissenschaft, dem gerade das Wagner’sche Werk eine Fülle an Forschungsobjekten liefert. Besonders auf diesem Sektor hätten wir noch einiges von ihm erwarten dürfen.
Klaus Döge war Philologe, doch alles andere als das, was man einen trockenen Wissenschaftler nennt. Er war genau, aber nie pedantisch, weil das, was ihn antrieb, nicht das rein Faktische war, sondern immer die Erkenntnis, die sich aus dem rein Faktischen gewinnen lässt. Auf sie war er gespannt und an ihr freute er sich – und zwar ganz sinnlich. Er war, in des Wortes Bedeutung, Wissenschaftler mit Leib und Seele. Das entsprang seinem Naturell, seiner Lebenslust. Er liebte es, beim Wein zu sitzen, und es war eine Freude zu sehen, wie er den Wein genoss. Vor einigen Wochen berichtete er begeistert, dass er in Dresden einen Weinhändler gefunden habe, bei dem er seinen so geliebten Badischen Wein kaufen könne.
Seine Lebenslust war verbunden mit großer Bescheidenheit. Prätention war Klaus Döge fremd. Er gehörte eher zu jenen, die ihr Licht unter den Scheffel stellen. Seine Gutmütigkeit und seine außerordentliche Hilfsbereitschaft haben ihn so manche Arbeit übernehmen lassen, die er von sich aus vielleicht nie übernommen hätte, die er für andere jedoch selbstverständlich ausführte.
Ausdruck seiner Lebenslust war seine Kommunikationsfreude. Es war ihm wichtig, sich mitzuteilen, doch nie, um damit die eigene Person in Szene zu setzen. Sein Mitteilungsbedürfnis war sozialer Art. Es ging ihm um den Kontakt zu den Menschen seiner Umgebung, mit ihnen wollte er sich austauschen. Deshalb auch war ein sehr guter Zuhörer.
In der Diskussion mit ihm konnte man Klarheit über die eigene Position gewinnen. Mir persönlich sind daher die vielen Gespräche mit ihm in besonderer und schöner Erinnerung, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie nie bierernst waren, sondern stets getragen von seinem so wunderbaren Humor.
Im Juli 2010 wechselte Klaus Döge von der Wagner-Gesamtausgabe, deren Finanzierung nicht mehr gesichert war, nach Dresden zur Robert-Schumann-Briefausgabe. Der Elan, mit dem er die neue Aufgabe anging, war imponierend. Es wäre hier noch Vieles und Wichtiges von ihm zu erwarten gewesen.
Wir, die Kolleginnen und Kollegen der Wagner-Gesamtausgabe, vermissen ihn, seitdem er aus der Wagner-Gesamtausgabe ausgeschieden ist, und wir werden ihn weiterhin vermissen. Wir trösten uns damit, dass wir ihn gekannt haben und über viele Jahre mit ihm zusammenarbeiten durften. Es war ein Glück, und auch wenn wir erst jetzt begreifen, dass es ein Glück war, so steht doch fest, dass dieses Glück nicht vergeht.